Betrachtung zu Weihnachten 2025
Zerbrechliche Kunst
Seit der Wende wird jährlich auf dem Erfurter Weihnachtsmarkt neben den Märchenfiguren auch eine geschnitzte Krippe aus Oberammergau gezeigt. Die Krippenfiguren sind jedoch immer mit Vorsicht und Umsicht zu behandeln. Wenn der Weihnachtsmarkt um den 22. Dezember geschlossen wird, finden die Krippenfiguren im Dom einen schönen Platz. Die Figuren wurden von der Stadt Erfurt in Auftrag gegeben und das Domkapitel hat sich bereit erklärt, das Jahr über sie in Obhut zu nehmen. In den ersten Jahren wurde der Dompropst immer gebeten, beim Aufstellen von Maria, Josef, dem Jesuskind und den Hirten mit den Königen behilflich zu sein, damit jeder an seinem richtigen Platz steht. Das gelingt nun aber auch schon ohne kirchlichen Beistand, wobei bisweilen noch vor der Krippe Diskussionen über die Bedeutung der Darstellung zu hören sind, denn bei einer Bevölkerung, die aus 70% Nichtchristen besteht, bedarf es manchmal noch einer Erklärung, was hier zu sehen ist. Inmitten von Märchendarstellungen auf dem Weihnachtsmarkt kann auch schon mal die Frage aufkommen: „Was ist das für ein Märchen mit Frau, Stroh und Kind?“

Krippe auf dem Erfurter Weihnachtsmarkt
Figuren von A. und H. Heinzeller, Holzbildhauer, Oberammergau
(Bild: Peter Weidemann - In: Pfarrbriefservice.de)
Nicht nur die geschnitzten Darstellungen sind behutsam zu behandeln, weil die zarten Finger und die Ohren der Schafe leicht zerbrechlich sind. Auch die Botschaft dieser Krippendarstellung braucht einen behutsamen Umgang, denn es ist ein großes Wunder, das wir an Weihnachten feiern dürfen: Gott wird ein Mensch. In diesem Jahr 2025 haben wir an das Konzil von Nizäa gedacht und das Glaubensbekenntnis gewürdigt, das im Jahr 325 n. Chr. – also vor 1700 Jahren – dort durch über 300 Bischöfe formuliert worden ist. Dazu gehört auch das Bekenntnis: „Geboren von der Jungfrau Maria“. Gott wird ein Kind, das in einer Armseligkeit geboren wird und weiterhin im ganzen Leben die Armut gespürt hat –
auch durch die Ablehnung seiner Frohen Botschaft. „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf“ (Joh 1,11).
Weihnachtslieder können wir gern aus voller Kehle singen, aber wir müssen dabei mit bedenken, dass der christliche Inhalt des Weihnachtsfestes für viele Zeitgenossen ein Mysterium bleibt. Wenn wir Christen aber mit Freude dieses Fest begehen, dann kann dadurch etwas von der Zuversicht weiterleuchten, die uns diese Botschaft vermitteln möchte: „Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um (dem Kind) zu huldigen“ (Mt 2,2).
Auf dem Domplatz steht die Heilige Familie in einem Stall. Im Dom steht sie auf einer freien Fläche vor dem Adventskranz, der – aufgerichtet hinter den Krippenfiguren – an die Erwartungszeit des Advents erinnert. Wir haben am Heiligabend wieder das Ziel unserer Sehnsucht erreicht: Das Kind in der Krippe. Ich hoffe, dass viele Besucher und Besucherinnen des Weihnachtsmarktes an den Weihnachtstagen entdecken: „Hier ist die Botschaft von der Menschwerdung Gottes zu Hause!“ Wir Christen sollten sie an diesen Tagen mit unseren Liedern und dem Brauchtum in die Welt bringen, so wie Jesus Christus in der Welt ankommen wollte, um sie zu verwandeln und froh zu machen.
Von Herzen wünsche ich gesegnete Weihnachtstage
Weihbischof Dr. Reinhard Hauke
Weihbischof Dr. Reinhard Hauke (Erfurt), dessen Eltern aus Schlesien stammen, ist seit 2009 Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für die Vertriebenen- und Aussiedlerseelsorge.
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Weihnachtspredigt von Präses Marius Linnenborn
Weihnachten im Übergang
Nach sechs Kriegsweihnachten war das Weihnachtsfest vor 80 Jahren das erste im Frieden. Die Grafschaft Glatz war zwar äußerlich unbeschadet durch den Zweiten Weltkrieg gekommen, aber zu Weihnachten 1945 erlebten die Einwohner der Grafschaft die Folgen des Krieges nun auch ganz unmittelbar. Inzwischen hatten Familien schon ihre Wohnungen und Häuser verlassen müssen und verbrachten die Weihnachtstage 1945 in Notunterkünften und Übergangsbleiben. Sie konnten gut nachempfinden, wie es der Heiligen Familie in Betlehem und bei der anschließenden Flucht nach Ägypten erging. Noch einmal konnten in den Roratemessen und in den Weihnachtsmessen die alten Lieder gesungen werden, die von der Erwartung und der Freude des kommenden Heiles sprechen, von der Menschwerdung des göttlichen Wortes in unsere menschliche Erbärmlichkeit. Aber die meisten ahnten wohl schon, daß es das letzte Weihnachtsfest in der Heimat sein würde.

Perikopenbuch Heinrichs II., Szene: Verkündigung an die Hirten
Bild: Meister der Reichenauer Schule - Bayerische Staatsbibliothek, München
(gemeinfrei auf Wikimedia)
Es war also ein Weihnachten im Übergang: Noch in der Heimat, aber nicht mehr wirklich zu Hause; nach dem Ende der Kriegshandlungen, aber vor der eigenen Vertreibung und dem Verlust der Heimat. Wer in der Christmette 1945 in der Grafschaft Glatz die Botschaft der Engel hörte, erlebte diese Worte in der ungewissen Erwartung der kommenden Ereignisse als ganz aktuell: „Fürchtet euch nicht!“ Gottes Sohn ist unser Menschenbruder geworden, sein Name ist Immanuel, das heißt „Gott mit uns“. Wie diese Zusage auch durch die Nächte des eigenen Lebens trägt und Kraft aus dem Glauben schenkt, haben unsere Familien dann in den nächsten Monaten des Jahres 1946 persönlich erfahren.
Für uns steht das kommende Weihnachtsfest am Ende des Heiligen Jahres 2025, das Papst Franziskus unter das Leitwort „Pilger der Hoffnung“ gestellt hatte. Vielleicht haben Sie an unserer Wallfahrt in Telgte oder an anderen Orten an besonderen Gottesdiensten teilnehmen können oder auch über die Medien die großen Gottesdienste in Rom mitgefeiert. Ich durfte in diesem Jahr zwei Mal in Rom sein und habe die Anliegen unseres Grafschaft Glatzer Gottesvolkes durch die Heiligen Pforten im Gebet getragen.
Auch wenn das Heilige Jahr am 6. Januar mit der Schließung der Heiligen Pforten zu Ende geht, bleiben wir weiterhin unterwegs auf dem Pilgerweg der Hoffnung. Die Zusage „Fürchtet euch nicht! Gott ist mit uns.“ gilt weiterhin – auch in den Unsicherheiten und Sorgen unserer Zeit im Blick auf die Welt und auf die Kirche. Wir spüren, daß vieles im Übergang ist und wir manches, was uns seit langer Zeit vertraut ist, nicht festhalten können.
Auch im Heimatwerk Grafschaft Glatz stehen wir – zumindest im organisatorischen Rahmen – vor Veränderungen: Was bisher von einigen wenigen um den Großdechanten mit großem Einsatz geleistet wurde, wird sich zukünftig auf mehr Schultern verteilen müssen. Allen, die bisher diese Aufgaben erfüllt haben und die sie zukünftig übernehmen, gilt ein großer Dank! Dieser Übergang wird uns nicht daran hindern, unsere Verbundenheit weiterhin lebendig zu bewahren und auch für das kommende Jahr unsere großen Gottesdienste und Wallfahrten vorzubereiten.
Ich wünsche Ihnen und allen, die Ihnen verbunden sind, ein frohes und von Hoffnung erfülltes Weihnachtsfest und Gottes reichen Segen für das neue Jahr 2026!
Ihr Marius Linnenborn,
Präses des Heimatwerks Grafschaft Glatz
in: Grafschafter Bote, 12/2025 und Rundbrief, 3/2025
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